
Artikel im Neues Glas/New Glas N° 2/00
Grundsätzliche Überlegungen von Thierry Boissel zur Situation der Zeitgenössischen Glasmalerei anlässlich einer Ausstellung in Chartres.
Die Geschichte der Architektur ist zugleich eine Geschichte der Wahrnehmung von Licht. Die Öffnungen von Fenstern, ihre Form und ihre Große, sind sichere Referenzen fur die jeweilige Zeit und den Stil einer Architektur. Fensteroffnungen können mit transluziden oder transparenten Materialien geschlossen sein, manchmal mit beidem. Solche "Eingriffe" dichten die Öffnungen ab und lassen trotzdem das Licht im Gebäude wirken. Licht ist stark symbolisch geprägt. Da es eine Lebensgrundlage ist, ist es eine Selbstverstandlichkeit, ihm zu huldigen, und Menschen haben stets daran gearbeitet, dies sichtbar zu machen.
Die transparenten, transluziden und eventuell kolorierten Filter machen das Licht sichtbar, beleuchten ein Gebaude und isolieren vor dem Wetter. Ein frühes Beispiel für die Anwendung dieses einfachen Systems ist die um 1240 von Ludwig IX erbaute gothische Kathedrale La Sainte Chapelle in Paris.
Glasmalerei
Glasgestaltung, Glasfenster, Kunst aus Glas in der Architektur, Kirchenfenster, architektonisch integrierte Glaskunst: das alles sind Begriffe, die versuchen ein bestimmtes Betätigungsfeld einiger Künstlern zu beschreiben oder zu definieren. Was bedeuten aber diese Begriffe? Die Frage nach der Definition scheint zunachst trivial und uberflussig, wird aber in meiner eigenen Arbeit mit dem Licht in der Architektur sehr relevant. Schon die Erwahnung des Begriffes 'Glasmalerei" uberrascht viele Menschen. Dieser Begriff wird in Frankreich mit der Sainte Chapelle oder mit Arbeiten von Marc Chagall assoziiert, seit ein paar Jahren auch mit dem am Jakobsweg in Sudwestfrankreich gelegenen Conques und Pierre Soulages. Mitleidig schließt sich schnell die Frage an, ob denn heute uberhaupt noch soviel Kirchen gebaut werden, dass man davon leben kann. Manche Architekten reagieren deutlich irritiert. Sie werden blaß, ihnen wird schwindlig, sie bekommen eine Gansehaut und stammeln: "Ich baue doch keine mittelalterliche Kirche, sondern eine Schule, einen Bahnhof, einen Flughafen oder ein Rathaus!". Ich selbst habe mittlerweile gelernt, Rucksicht auf meine Gesprachspartner zu nehmen und verwende den Begriff 'Glasmalerei' eher hintersinnig.

Die Begrifflichkeit andern sich von Sprache zu Sprache. In England spricht man von "stained glass", (vom Amber stain = Bernstein => Gelbes Glas), wörtlich ubersetzt: "beflecktes" oder"schmutziges" Glas. Dieser Begriff trifft einen zentralen Aspekt, denn Glaswird hier als Filter beschrieben. Das franzosische Wort "vitrail" hat seine Bedeutung in den letzten 150 Jahren sogar mehrfach grundlegend geandert.
Entscheidend ist, daß die Assoziationen dagegen uberall gleich bleiben: Ob in England, in Frankreich oder in Deutschland, vor dem geistigen Auge entstehen immer alte Bleikompositionen.
Bei der provokanten Suche nach einem neuen Begriff ist es mir lange im wesentlichen darum gegangen, die verstaubten Assoziationen, die mit dem Begriff "Glasmalerei" verbunden sind, aufzulosen. Zwei befreundete Kunstler, Daniel Bräg und Bernhard Huber, sind dagegen unabhangig voneinander der Auffassung, daß die Suche nach einem neuen Begriff sinnlos sei, denn es gebe bereits einen geeigneten: Die Kunst.
Die zeitgenossische Architektur bietet haufig Raume mit großen Öffnungen. Hinzu kommt, daß unsere Beziehung zum Licht sich stark verandert hat. Das elektrische Licht leuchtet uns heim bis zur Pseudo- Erleuchtung. Ein einfacher Schalter erlaubt es, die Nacht auszuschalten. Dunkelheit ist verdachtig. Lux, offizielle Maßeinheit von Beleuchtungsstärke, definiert unser Sehen. Mich persönlich irritieren künstlich beleuchtete Räume in historischen Gebäuden. Absurd wird es, wenn Lichtstrahler von innen Fenster beleuchten, wahrscheinlich, um sie "besser" zur Geltung zu bringen.
Die zeitgenossische Glasmalerei muß mit diesem modernen Verständnis von Licht umgehen; sie hat mit der Sainte Chapelle nichts mehr zu tun. Gleichwohl hat sie viel von ihr zu lernen: Die künstlerische Gestaltung eines Fensters muß sensibel auf den Ort reagieren, auf die Funktion des Gebäudes eingehen, mit dem Licht arbeiten und die Räumlichkeit beleuchten. Erst dann ist Glasmalerei konzeptionell und damit auch kunstlerisch gelungen.


Seit über 13 Jahren realisiere ich Glasmalerei mit heißstrukturiertem Glas oder mit Fusing. Dabei handelt es sich um einen Weg unter vielen, um das Ziel zu erreichen. Das Ziel liegt darin, eine Arbeit nach den oben beschriebenen Kriterien individuell und fur den konkreten Ort zu kreieren. Jeder Künstler, der sich mit Glasmalerei auseinandersetzt, verfolgt die gleiche Zielsetzung. Allerdings gibt es hierfür kein Rezept und jeder Künstler bringt eigene Vorstellungen und Konzepte mit.
In den letzten zehn Jahren hat sich eindeutig herausgestellt, daß von Blei gepragte Kompositionen immer mehr zuruckgedrängt werden. Die freie Malerei auf Floatglasscheiben und das Heißbearbeiten von Glas beispielsweise gewinnen an Bedeutung.
Eine Ausstellung im Centre International du Vitrail in Chartres (F) belegt dies eindrucksvoll. Mit dem Titel "Lumières en eclat" distanziert sie sich thematisch vom traditionellen Begriff der Glasmalerei. Hier werden neue kunstlerische Ansatze aufgegriffen und von experimentellen Techniken begleitet. Die Ausstellung beschrankt sich auf neun französische Künstler.
Jean Francois Lagier, Direktor des Centre International du Vitrail, weiß, daß die restriktive Auswahl stellvertretend steht für eine zeitgenossische Suche und Erneuerung.


Thierry Boissel, der gebürtige Franzose lebt und arbeitet freischaffend in München, wo er an der dortigen Kunstakademie die Glasmalereiwerkstatt leitet. Die Ausstellung "Lumieres en eclat" ist im Centre International du Vitrail in Chartres (F) seit dem 9. Oktober 1999 und noch bis zum 23. September 2000 zu sehen. Sie ist klar gegliedert und stellt die unterschiedlichen künstlerischen Ansätze schlüssig dar. Der Verlag NEO éditions und das Centre International du Vitrail haben dazu passend einen Katalog herausgegeben: "Lumières en éclat - Art et espace de lumière du 21 ème siècle". Mit wenig Text, dafür mit vielen Farbabbildungen in hervorragender Druckqualität sind die Arbeiten von Louis René Petit, Brigitte Sillard, Pierre Le Cacheux, Michel Caron, Udo Zembok, Didier Sancey, Didier Quentin, Thierry Boissel, Emmanuel Barrois präsentiert (Reihenfolge der Künstler wie im Katalog nach Geburtsdatum). Der Katalog ist ein Trost fur diejenigen, die nicht den Weg nach Chartres bis Ende September finden.
Den Katalog: "Lumières en éclat" (98 FF) kann man beim C.I.V. direkt bestellen.
Ausstellung und Kontakt:
Centre International du Vitrail, Chartres (F)
Tel: + 33 / (0)237216572; Fax: + 33 / (0)237361534; www.centre-vitrail.org;
E-mail: contact@centre-vitrail.org
©Thierry Boissel 2000 Kontakt: Boissel@adbk.de