München, ein Spaziergang in der Stadtmitte. Es ist frisch, Herbststimmung. In der Leopoldstrasse stehen rechts und links hohe Türme aus Stahl. Wie Gerüste sehen sie aus. Sie stehen da als unfertige Türme, wie Skelette einer Ritterburg, von der nur noch die Ecktürme stehen geblieben sind. Vielleicht findet ein Umzug statt? Dafür bräuchte man die Plattformen, für die Beleuchtung und die vielen Fernsehkameras.Einige Strassen weiter sieht man wieder sonderbare Stahlgerüste. Mal freistehend, mal an ein Gebäude angelehnt, mal mitten auf einem desolaten Platz. Es ist unwahrscheinlich, dass an dieser Stelle der Umzug reibungslos läuft. Das Rückgebaude des Residenztheaters gegenüber dem Marstalltheater ist lang gezogen und langweilig. Auf dem Platz sieht es aus wie auf einer Baustelle oder handelt es sich nur um eine städtebauliche Fehlplanung? Und immer wieder Türme als Stahlskelette. |
||
| München, wieder ein Spaziergang in der Stadtmitte. Jetzt ist es kalt, bald kommt der Winter. Nach 18 Uhr zeigt die Stadt ihr winterliches, nächtliches Gesicht. Die Wände der Nationalbibliothek in der Leopoldstrasse zeigen überdimensionale Lichtzeichen. Es sind Zahlen: 1937, 1938, 1939, 1940, ... Auf dem gegenüber liegenden Gebäude und den Wänden der Universität ebenso. Und es geht weiter. Die Installation von Peter Greenaway1 ist neu, sie ist schön. Sie stellt eine Symbiose dar zwischen den alten Gemäuern und der modernen Lichtprojektion. Ich gehe die Leopoldstrasse weiter und folge der Installation. Ich erkenne deutlich die Gebäude, jedoch bekommen sie durch die Lichtprojektionen eine neue Dimension. Mich beeindrucken die Wände des Residenztheaters. Große Farbflächen sind da projektiert, angepaßt an die Architektur. Die Farben ändern sich: sie gehen vom Blau ins Rot über, dann ins Gelb. Hin und wieder bewegen sich die Farben, auch werden Lichtbilder oder Filmsequenzen projiziert. |
||
| In mir kommt Neid auf. Ich bin Künstler und arbeite mit Glas im architektonischen Kontext. Peter Greenaway inszeniert grandios und einfach zugleich farbiges Licht im Außenraum anläßlich des hundertjährigen Jubiläums des Kinos . Licht, Farbe und Gebäude stehen im Einklang und werden durch die Lichtprojektion gewürdigt. Viele Künstler intendieren die Symbiose zwischen Gebäude und Farbe. Das Gebäude erfährt eine Bereicherung ohne Verfremdung, das Licht braucht das Gebäude, um überhaupt wahrgenommen werden zu können. Allerdings sind dies nur Nebeneffekte dieser Installation. |
||
| Nach kurzer Überlegung legt sich der Neid. Es gibt zwar manche gemeinsamen Interessen, aber mit anderem will ich nichts zu tun haben: nicht mit Nebenerscheinungen wie den unverzichtbaren Stahlgerüsten, die auf der gegenüber liegenden Straßenseite die aufwendige Technik tragen. Oder dem Umstand, daß diese Technik trotz allen Aufwands eben nur nachts funktioniert. Meine Einwände sind bloß technischer Natur und mögen die Freie Kunst nicht im Kern betreffen. Trotzdem begleiten technische Aspekte die künstlerische Arbeit und lassen sich auch dann nicht abschütteln, wenn sie stören. Eine Gemeinsamkeit dieser Arbeit von Peter Grenaway und der Glasgestaltung liegt in der örtlichen Verbundenheit. Glasgestaltung hat nur im Gebäude eine Existenzberichtigung, kann überhaupt erst dort existieren (ich gehe hier nicht auf die autonomen Glasbilder für Ausstellungszwecke ein, sondern beschränke mich auf Arbeiten, die an Architektur gebunden sind). Hier müssen Architekten, Bauherren und Künstler kooperieren. Doch dazu muß es erst kommen! |
||
| Zeitgenössische Glasgestaltung ist weitgehend unbekannt. Allgemein bekannt sind selbstverständlich mittelalterliche Lösungen oder Fenster von Chagall in sakralen Räumen. Doch wer kennt interessante moderne Lösungen in der profanen Architektur? Es mangelt nicht an bedeutenden Beispielen. Das Problem liegt darin, dass dieses künstlerische Arbeitsgebiet nur am Bau zu finden ist. Man sucht weitgehend vergeblich Dokumentationen und Beispiele in Museen oder öffentlichen Sammlungen (seltene Ausnahmen bestätigen die Regel: einige Arbeiten sind im Kunstmuseum Herrenhof in Düsseldorf eingebaut, wahrscheinlich auch anderswo, aber wo? Die Sammlung im hessischen Landesmuseum wurde abgebaut!). |
||
| Wenige spezialisierte Stellen bieten umfangreiche Informationen: z. B. das Centre international du vitrail in Chartres (F), oder das Centre du Vitrail in Romont (CH), die Sammlung des Museums für Zeitgenössische Glasmalerei in Langen und seit über einem Jahr in Deuschland das Deutsche Glasmalerei Museum in Linnich. Gelegentliche Ausstellungen bieten einen Einblick in die zeitgenössische Glasmalerei. Eine bemerkenswert gelungene war die Ausstellung Glas-Kunst-Architektur 1998 in der Galerie der Münchner Handwerkskammer. Diese Ausstellung ging einfühlsam auf die Thematik ein und zeigte qualifizierte Arbeiten aus dem architektonischen Kontext. Wie jede hatte sie leider eine begrenzte Dauer und wer nicht Gelegenheit hatte, sie zu besuchen, bleibt uninformiert. Wer also Glasgestaltung erleben will, muß eine kleine Weltreise antreten und gezielt die Orte besuchen, an denen Architektur und Glasgestaltung zu einer gelungenen Lösung vereint wurden |
||
| Darin liegt das zentrale Problem der Glasgestaltung im architektonischen Kontext: der Eindruck läßt sich nicht transportieren. Nur was man wahrnimmt, gibt es. Und manches von dem, was wahrgenommen wird, ist wenig attraktiv. Also interessieren sich viele Bauherren und Architekten nicht dafür. Ich halte dagegen: Architektur profitiert von Glasgestaltung. Die Kirche hat den Wiederaufbau nach dem Krieg praktisch abgeschlossen. Sie ist nicht mehr der Hauptauftraggeber für die Glasgestaltung. Sie ist abgelöst durch Architekten, die für die profane Architektur ein neu erwachendes Interesse an Glasgestaltung zeigen. Lösungen von der Stange als Raster-Siebdruck auf Floatglas haben zwar immer noch Konjunktur, besonders wenn sie nicht nur als Gestaltungselement, sondern auch als Sonnenschutz angeboten wird. Die Anwendung von Siebdruck auf Glas hat Helmut Jan im Kempinski Hotel am Flughafen München hervorragend umgesetzt. Ich möchte in meiner Architektur keine Kunst als Fremdkörper sehen diese Auffassung findet nach wie vor Vertreter und ist nachvollziehbar. Dennoch stelle ich fest, daß Architekten auf der Suche nach etwas Neuem sind. Wenn künstlerische Interventionen gut integriert sind, stellen sie die bessere Alternative dar als beziehungslos im Innenhof aufgestellte Plastiken. |
||
| Ich habe den Eindruck, daß eine durchgreifende Veränderung bevorsteht: Architekten suchen nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten. Dafür brauchen sie Partner. Moderne Glasgestalter bieten sich an, weil sie über neue Möglichkeiten verfügen. Die Produzenten von Farb- und Spezialgläsern bieten bereits eine Vielzahl von neuen Produkten. Die Bearbeitungsfirmen experimentieren auf allen Ebenen. Vorspannfirmen haben keine Bedenken mehr, die gestalteten Gläser in ihren hochempfindlichen Vorspannöfen zu bearbeiten. Junge Künstler setzen sich mit diesen Möglichkeiten auseinander. Alle Voraussetzungen, knapp beschrieben, sind erfüllt, um eine neue Entwicklung einzuleiten. Die Impulse für die moderne Glasmalerei verdanken wir u. a. Georg Meistermann, Ludwig Schaffrath, Johannes Schreiter, Wilhelm Buschulte, Joachim Klos, Jochem Poensgen und Hubert Sperling. Heute, fünfzehn Jahre später, werden die unter ihrem Einfluß bisher mehrheitlich vertretenen Positionen von verschiedener Seite her neu durchdacht. Dies schrieb Dr. S. Beeh-Lustenberger vor fünf Jahren (1995). Ein wesentlicher Impuls kam aus München. Bereits 1985 und 1986 entwarfen und realisierten Bettina Otto und Frei Otto ein gläsernes Kunstzelt für den diplomatischen Club in Riyadh, Saudi-Arabien. |
||
![]() Diese Konstruktion bestand aus Stahlseilen und bemaltem Glas (Photo 1). Kurz zuvor bemalte und bedruckte Robert Rexhausen in Taunusstein großflächige Scheiben für das Portal der Nürnberger Peterskirche. Das Bemalen großflächiger Floatglasscheiben, die zu Einscheibensicherheitsglas (ESG) bearbeitet werden, ist nichts eigentlich neues. Die Industrie bietet bereits länger aufgerasterte Scheiben in großer Stückzahl an. Auch das Bemalen von Gläsern ist traditionell, der Farbauftrag von Schattierungsfarben (Überzug- bzw. Konturfarben) war bereits im Mittelalter gebräuchlich. Die Emailmalerei, die zusätzlich zur Schattierung einen transparenten Farbauftrag ermöglicht, erfreut sich bereits seit dem 17 Jahrhundert großer Beliebtheit. Noch bis vor kurzem weitgehend verpönt, wurde die Emailmalerei hin und wieder verwendet, um teure Farbgläser zu ersetzen. Farbig emaillierte Glasstückchen wurden in das Bleinetz eingefügt und sollten echte Bleiverglasung mit echtem Farbglas imitieren. Floatglasscheiben, die individuell für ein konkretes Projekt gestaltet wurden, sind der Öffentlichkeit seit dem Riyadh-Projekt bekannt geworden. Mit dem Zeltdach hat sich die Floatglasmalerei verselbstständigt und steht für eine freie, hochentwickelte technische Variante von Glasgestaltung. Bernhard Huber stellte im Rahmen der Glaskon 98 seine letzte Realisationen aus3 . Renate Gross arbeitet seit der Realisierung ihrer Fenster im Helmhof in Gersthofen4 (1994/95) ebenfalls überwiegend in Floatglasmalerei. Dieses Verfahren ermöglicht schier unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten und antwortet auf alle technischen Anforderungen der Modernen Architektur. Durch das Bemalen von großflächigen Floatglasscheiben werden Bleiruten mit ihren graphischen Eigenheiten überflüssig. Die Kompositionen fallen satt und kräftig oder luftig, dem Aquarell ähnlich, aus. Gleichwohl sind alle modernen technischen Farbaufträge möglich. Die Mayersche Hoffkunstanstalt in München setzt beispielsweise seit einigen Jahren Entwürfe von Künstlern computerunterstützt um. Dieses Verfahren kann sowohl für Farbauftrag, für Sandstrahlarbeiten wie auch für die Kombination von beidem genutzt werden. Das Portal des Neubaus der Herz-Jesu-Kirche (Arch. Allmann, Sattler, Wappner) wird von Alexander Beleschenko (England) in diesem Verfahren realisiert. Ein Alphabet aus unterschiedlich geordneten graphischen Elementen wird über zwei Ebenen über die ganze Fläche verteilt. Dies ergibt eine Lichtvibration, die vollendet mit der sonst in Weißverlauf ausgearbeiteten Glasfassade harmoniert. Dafür benutzt er ein neuartiges Email, das wie blaues Eiskristall wirkt. |
![]() Photo 1: Frei Otto, Bettina Otto - Gläsernes Kunstzelt Diplomatischer Club, Riyadh, Saudi Arabien. Ausführung: Franz Mayer'sche Hoffkunstanstalt, München. ![]() |
|
| Die Verkleidung des Aufzugs von Koliusis im Modehaus Kaiser in Freiburg (1999) bedient sich der selben Farbe und Auftragsverfahren (Photo 2). Hier wird bewiesen, dass zeitgenössische Glasmalerei nicht ausschließlich auf der Aussenfassade angewendet wird. Ein weiteres Anwendungsbeispiel ist das Lichtband in der Bayrischen Landesbank in München. Reiner John malte und spritze (1998) eine über zwanzig Meter lange, von innen beleuchtete Glasachse (Photo 3). In Kombination mit quer installiertem blauem Kunstlicht nimmt man ein lichtdurchflutetes Raumgefühl wahr, ohne dass die Gestaltung zudringlich wird. Das Ziel liegt in der Gestaltung als Bereicherung, nicht als Konkurrenz. Symbiose ist das Schlüsselwort, wenn auch manche Lösungen laut sein wollen und sich nicht hinter der Architektur verbergen. Eine gelungene Glasgestaltung ist nicht beliebig transportierbar, sondern eigens auf die Architektur abgestimmt. |
||
![]() Photo 3: Reiner John - Glasdeckengestaltung Bayerische Landesbank München 1998. Architekt: Stiebale. Ausführung: Franz Mayer'sche Hofkunstanstalt, München. |
![]() Photo 2: Nikolaus Koliusis - Modehäuser Kaiser, Freiburg 1999. Gläserne Aufzugswände. Architekten: Blocher, Blocher & Partner. Floatglasmalerei - Franz Mayer'sche Hofkunstanstalt, München. |
|
![]() Glasgestaltung wirkt als Lichtfilter, Licht selbst ist unsichtbar. Um mit Licht zu arbeiten, muß das Licht sichtbar gemacht werden. Viel zu oft sieht man Fenster aus den sechziger Jahren, die an Farbintensität und liebloser Komposition nicht zu überbieten sind. Diese Fenster begründen Vorurteile gegen die Glasmalerei. Der Begriff Glasmalerei ist irreführend und assoziiert mit düsterer Architektur. (Ich bin seit längerem auf der Suche nach einem besseren Begriff als Glasmalerei. Glasgestaltung ist als Begriff neutral, aber nicht befriedigend, weil es auch auf Vasen- und Trinkgläsergestaltung anwendbar ist. Das richtige Wort zu finden ist hier nicht Gegenstand und ich bleibe beim Provisorium Glasgestaltung.) Glasgestaltung wirkt als Lichtfilter. Auch wenn Farbe eine wichtige Rolle spielt - darauf komme ich weiter unten -, sind farblose Lösungen manchmal die richtige Antwort. Andreas Horlitz realisierte 1999 im Uniplan International Kerpen in Köln eine Installation mit Fotoarbeiten auf teilverspiegeltem Floatglas und Neonlicht. Dieses Band hat eine Höhe von nur zwanzig Zentimeter, zieht sich jedoch über 55 Meter Länge. Es lebt von seiner Einfachheit und der Klarheit des Konzeptes. Die Glaswand von Graham Jones (für Harlow/Essex in England) wird ebenfalls durch Kunstlicht beleuchtet. Diese Komposition, die durch ihre Dynamik auffällt, integriert sich trotzdem harmonisch als Lichtfläche in ihre Umgebung. Prof. Heiner Blum gestaltet die Fassade des Amtes für Abfallwirtschaft in München (Photo 4) ebenfalls farblos, wenn auch verspielt. |
Photo 4:Prof. Heiner Blum - Amt für Abfallwirtschaft, München 1999. 180 sangestrahlte ESG-Scheiben. Architekten: Ackermann & Partner. Ausführung: Franz Mayer'sche Hofkunstanstalt, München. |
|
![]() Nachts wird jedes Fenster nach außen zu einem Lichtspiel. Auch aus diesem Grund interessierte mich die eingangs erwähnte Arbeit von Peter Greenaway in München. Ein Gebäude zeigt sich nach Außen. Eine architektonisch gelungene Fassade weckt beim Betrachter das Interesse daran, wer oder was in dem Gebäude untergebracht ist. Glasgestaltung kann dazu beitragen, daß Architektur Tag und Nacht zum Markenzeichen wird. Der Eingangsbereich von Alexander Beleschenko in der Ruskin Library in Lancaster (1997/1998) ist dafür ein Beispiel (Photo 5). Glas kann die Funktion einer Trennwand erfüllen, ohne den Raum optisch zu verschließen. Trennwände in der Architektur eignen sich für die Glasgestaltung. Heinz Kassung dekorierte den Innenraum der Sparkasse in Koblenz-Bendorf (Photo 6). Im Herzogschloß in Straubing stand ich vor der Aufgabe, eine komplexe Licht- und Raumsituation zu gestalten (1994) (Photo 7). Der charakteristische Raumeindruck sollte erhalten bleiben, ohne das sich erkennen lässt, wer sich im Raum hinter der Trennwand aufhält. Glastrennwände sollen sich im Gegensatz zu Fenstern auch für Auflichtsituationen eignen und müssen strenge Sicherheitsbestimmungen erfüllen. Die Trennwand in Straubing wurde doppelwandig mit Schmelzstrukturen und Emailmalerei auf Floatglas gestaltet. |
![]() Photo 5: Alexander Beleschenko - Glasgestaltung für Ruskin Library, Lancaster, GB 1997-1998. Floatglasmalerei. Architekt: Mc Cormac. Ausführung: Franz Mayer'sche Hofkunstanstalt, München. |
|
![]() |
![]() Photo 6: Heinz Kassung - Glastrennwand Sparkasse Koblenz-Bendorf. Ausführung: Derix Glasstudio, Taunusstein. |
|
![]() Photo 7: Thierry Boissel - Doppelschichtige Glasgestaltung im Herzogschloß Straubing. Ausführung: Franz Mayer'sche Hofkunstanstalt, München. Diese Technik unterscheidet sich vom Verschmelzen mehrerer Farbgläser (neudeutsch: Fusing) und wird unten näher erläutert. Die Gläser wurden dann vorgespannt (ESG) und zu Verbundsicherheitsglas (VSG) verklebt. Überkopfverglasungen spielen für Museen eine wichtige Rolle. Schott Desag hält dafür präzise Lösungen (gleichmäßige Farbtemperatur) für definierte Lichtanforderungen vor. Aber auch in anderen architektonischen Bereichen (z. B. in Großräumen) sorgt Überkopfverglasung für neutrale aber dennoch nicht eintönige Beleuchtung. Zusätzlich gelten auch hier strenge bauliche Sicherheitsbestimmungen. Karl Heinz Traut realisierte zahlreiche Glasdecken, die diese Bedingungen erfüllen. Die Abbildung zeigt die Realisation für die Akademie of European Law in Trier. Die Gläser sind den Richtlinien entsprechend immer als Verbundsicherheitsglas gefertigt. Diese technische Bedingung führt jedoch nicht zu einer Reduzierung der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Regine Öschlberger realisierte 1997-98 eine Glasdeckengestaltung für die Landwirtschaftliche Fachschule in Kleßheim (Photo 9). |
![]() Photo 9: Regine Öschelberger - Glasdeckengestaltung für die Landwirtschaftliche Fachschule Kleßheim 1997-1998. Architekten: Lorenz & Schmirl. Ausführung: Franz Mayer'sche Hofkunstanstalt, München. |
|
| Michael Münzer kombinierte sandgestrahlte Floatglasscheiben mit "Echtantikglas" (farbiges, mundgeblasenes Glas) für die Glasdecke der Internatsschule Lender in Sasbach (Photo 10). Er spielt hier in zwei Ebenen. Die untere Fläche wurde sandgestrahlt und steht im Vordergrund. Sie paßt sich der Form der Architektur an und bleibt teilweise unbearbeitet. Die unbearbeiteten Flächen lassen den Blick auf die zweite Ebene ungehindert zu. Die sandgestrahlten, bearbeiteten Flächen der ersten Ebene lassen die teilweise farbig gestalteten Flächen der zweiten Ebene durchscheinen. Damit entsteht ein reizvolles Lichtspiel. | ![]() Photo 10: Michael Münzer - Glasdecke Internationale Schule Lender, Sasbach. Architekten: Schill / Baudirektor Bauhofer, Erzbischöfliches Bauamt Freiburg. Ausführung: Derix Glasstudios, Taunusstein. |
|
![]() Die Kombination aus transparenter Fläche mit opaken bzw. opalen Flächen steht dem Glasgestalter zur Verfügung und eignet sich, um z. B. vor Blicken des Publikumsverkehrs zu schützen. Durch überzeugende Leichtigkeit beeindruckt das künstlerisch gestaltete Glasdach des Studentenzentrums in Rosenheim. In die klare Architektur von Ackermann und Partner setzt Tobias Kammerer zwei rote Linien aus malerisch geätzten Gläsern, die sich über siebenunddreißig Meter Länge erstrecken (PHOTO 11). Raphael Seitz benutzte die gleiche Kombination (Floatglas, hier sandgestrahltes, aufgeklebtes Farbglas) für die Gestaltung des Heilbronner Rathauses (Photo 12). Wie mittlerweile oft der Fall dienen hier die Gläser nicht als Fenster, sondern werden durch Punkthalterungen vor den Fensterrahmen positioniert. |
![]() Photo 11: Tobias Kammerer - Glasdecke Studentenzentrum Rosenheim. Ausführung: Derix Glasstudios, Taunusstein. |
|
![]() Photo 12: Raphael Seitz - Rathaus Heilbronn. Ausführung: Derix Glasstudios, Taunusstein. |
||
| Glasmalerei kann sich nach wie vor der traditionellen Bleiverglasung bedienen und schwierigste Anforderungen erfüllen. Brian Clarke realisierte 1998/1999 ein "Glass Cone" für Warburg Dillon Read in Stamfort, CT (Photo 13). Dabei handelt es sich um eine fünfzehn Meter hohe Ganzglas-Konstruktion. Ein Großteil der Fläche wurde großzügig in farbigem Glas komponiert, die andere Hälfte in opakem Milchglas gehalten. Bei Sonnenschein werden die Farben auf die gegenüber stehende Wand projiziert. Ein Spiel von farbigem Licht und Schatten entsteht. Diese Arbeit stellt eine Ausnahme in Brian Clarkes Produktionen dar, denn es handelt sich hier um ein für sich stehendes, dreidimensionales Werk. Aber auch das Gesamtwerk Brian Clarkes insgesamt steht als Besonderheit in der Geschichte der Glasgestaltung. Er realisiert weltweit in Kooperation mit den bedeutendsten Architekten (Sir Norman Foster, Frank Matcham, Arata Isozaki und anderen) eine Vielzahl von Projekten und arbeitet wie kein anderer Zeitgenosse eindrucksvoll mit der Kraft der Farbe. In Deutschland kann man z. B. das Haus der Energie (1993, Archit.: Bieling & Bieling/von Gerkan, Marg & Partners) in Kassel sehen. Umfangreiche Literatur6 begleitet sein Werk und gestattet, hier nicht weiter ins Detail zu gehen . |
![]() Photo 13: Brian Clarke - "Glass Cone" - Warburg Dillon Read, Stamford. CT 1998-1999. 15 m. hohe Ganzglaskonstruktion. Architekten: Skidmore Owing & Merill. Ingenieure: Dewhurst Macfarlane and Partners. Ausführung der gesamten Glashaut und Bleiverglasung: Franz Mayer'sche Hofkunstanstalt, München. |
|
| Fusing findet zur Zeit viel Beachtung. Beim Fusing handelt es sich um die älteste Glasbearbeitungstechnik überhaupt. Lange bevor die Glasmacherpfeife benutzt wurde, haben die Ägypter zahlreiche Wandbekleidungen und Schmuck im Fusing-Verfahren hergestellt. Heute erlebt diese Technologie eine Renaissance, die dank der Glas- und Ofenindustrie möglich wurde. Mußte ich vor über zehn Jahren mit selbst hergestelltem Glas im Fusing-Verfahren arbeiten, so steht heute eine große Auswahl an Farbgläsern zur Verfügung, die miteinander verschmelzbar sind. Kompatibles Glas wurde vor zwanzig Jahren erstmals produziert. Seit ein paar Jahren ist geeignetes Glas überall in Deutschland in Glasfachgeschäften erhältlich. |
||
| Schott-Desag in Grünenplan beauftragte mich Anfang 1999, den Eingangs-Bereich des neuen Show-rooms zu gestalten. Ich integrierte in der Komposition eine Probewand (Photo 14), die dreischichtig gearbeitet ist. Jedes Quadrat resultiert aus der Farbmischung zweier Grundtöne der von Schott-Desag produzierten Gläser. Fusinggläser sind zwar nur in einer begrenzten Anzahl von Farbtönen erhältlich. Durch die mehrschichtige Verarbeitung enstehen jedoch zahlreiche Farbmischungen. Wie jedes andere kann auch dieses Glas als Isoverglasung oder als VSG aufgebaut werden. Diese Arbeit wurde in den Räumen von Schott-Desag im Artista-Forum produziert. Dieses Forum bietet sich an für Experimente und vermittelt Informationen zu technischen Neuheiten. |
||
![]() Ein umfangreiches räumliches Projekt von mir befindet sich im Polizeipräsidium Essen (1999) (Photo 15). Klar gegliederte Fenster erlauben die maximale Ausnutzung des Tageslichtes, das sich ungehindert im Raum verteilt. Der Stadtplan von Essen ist als Relief auf die Gläser geprägt. Das Glas besitzt durch die hergestellte Körperhaftigkeit die Fähigkeit, die Farbe des Tageszeitlichtes einzufangen. In der Nacht reflektiert sich das Kunstlicht des Raumes auf dem Glaskörper wie auf Linienprismen, die wie eine Lichtgraphik herausleuchten. Unabhängig von der künstlerischen Gestaltungsvielfalt bleiben die Hauptfaktoren für die Glasgestaltung das Licht und dessen Zusammenspiel mit dem Raum. Die Zusammenarbeit von Architekten und Künstlern erschließt kreatives Potential. |
![]() Photo 14: Thierry Boissel - Glastrennwand Ausstellungsraum Schott Desag. Architekten: Burmester Korte, Bielefeld. Ausführung: Hartmut Kimmling, Artista-Forum Schott-Desag. |
|
Ich bedanke mich bei der Firma W. Derix (Bilder 6, 10, 11, 12), der Mayersche Hoffkunstanstalt (Bilder 1, 2, 3, 4, 5, 13), und die Künstler die freundlicherweise und entgegenkommend die Photos zur Verfügung gestellt haben. Angesichts der gebotenen Knappheit bitte ich Künstler, Architekten, Kollegen und Freunde, die hier unerwähnt bleiben, um Verständnis. |
||
| Zusätzliche Literatur hinweise: The Art of Glass Integrating Architecture and Glass. Stephen Knapp. Verlag: Rockport Publishers, Inc. ISBN: 1-56496-343-8 Kunst aus Glas in der Architektur 125 Jahre Derix Glas Studio. Lichtblicke, Glasmalerei des 20. Jahrhunderts in Deutschland, Suzanne Beeh-Lustenberger, Justinus Maria Calleen, Thomas Heyden. Deutches Glasmalerei Museum, Linnich ISBN: 3-9806045-0-0 Lumières en éclat, Le vitrail du XXI ème siècle. ISBN: 2-9513106-4-1, Centre International du Vitrail, Chartres. 1999-2000. |
||
| Kontakt: Thierry Boissel Studien- u. Experimentierwerkstatt für Glasmalerei, Licht und Mosaik Akademie der Bildenden Künste Akademiestr. 2. D - 80799 München Tel.: 089 / 38 52 147 Fax: 089 / 93 95 00 58 Thierry.Boissel@adbk.de www.boissel.de |
![]() Photo 15: Thierry Boissel - Kunst am Bau Projekt (Fenster- und Raumgestaltung) Polizeipräsidium Essen. Ausführung: A. Dierig, Überligen. |
|